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Waldorfpädagogik lebt von der Begegnung und Beziehung. Das Gebot der Stunde lautet dagegen Abstand halten. Ein Widerspruch, der auf den ersten Blick unauflösbar scheint. Wie Pädagogen, Dozenten und Studierende die Herausforderung “Erziehungskunst@Home” erleben, haben sie uns geschildert. In den kommenden Wochen geben wir einen Einblick in die große Vielfalt der Antworten.

Mathias Mainholz ist Klassenlehrer der siebten Klasse an der Rudolf-Steiner-Schule Nienstedten. Vor acht Jahren entschied sich der Journalist zum Quereinstieg in den Lehrerberuf und zum Studium am Hamburger Seminar. Im Interview berichtet er über seine Erlebnisse mit der ungewohnten Online-Unterrichtsform.

Lernen mit Kopf, Herz und Hand ist ein wesentlicher Bestandteil der Waldorfpädagogik. Kann digitaler Unterricht das leisten?

Ich gebe zu, dass ich im ersten Moment gedacht habe, unser ganzes Vorhaben, keine digitale Schule zu werden und keinen digitalen Unterricht zu machen, ist hin. Gleichzeitig war für mich klar, dass ich etwas ausprobieren möchte. Mir war es wichtig, soweit wie möglich im Dialog mit meinen Schüler*innen zu bleiben und multimedial zu arbeiten.

Auf dem Epochenplan stand gerade Ernährungskunde an. Wir wollten zusammen kochen und die Schüler*innen sollten Rezepte ausprobieren und Tagebuch führen. Da war es erstmal gar nicht so schlecht, dass sie in den eigenen vier Wänden waren – jeder hat ja zuhause eine Küche – und ist damit sogar besser ausgestattet als in der Schule.

Und was haben Sie konkret mit ihrer Klasse gemacht?

Ich habe morgens erst einmal etwas erzählt und den Schülern per Audio zugeschickt, so dass sie den Teil, den ich normalerweise in der Klasse erzähle, als kleine Reportage zu hören bekamen. Sie mussten also nicht lesen und einen Aufgabenzettel bearbeiten, sondern konnten hören und anschließend Fragen beantworten.

Mein Tag begann also damit, aus meinem Korb ein Stück Gemüse auszusuchen, das Audiogerät anzuschalten, das Gemüse hörbar anzuschneiden und zu erzählen. Wie fühlt es sich an, wie hört es sich an, wenn man dagegen klopft, wie sieht es im Inneren aus, ohne den Namen zu verraten. Und dann haben sie alle erst einmal gerätselt und mir Vorschläge gemacht.

Wie haben Sie mit den Schüler*innen kommuniziert?

Zunächst per mail – eine ziemliche Nachrichtenflut bei 40 Schülern. Für mich war das aber eine gute Möglichkeit, um zu überprüfen, wie viel meine Schüler*innen verstanden haben. Und dann habe ich versucht, im Dreischritt, der ja in der Waldorfpädagogik wichtig ist, vorzugehen. Das hat tatsächlich funktioniert. Ich erzähle etwas, z.B. über Proteine, dazu eine Aufmerksamkeitsfrage, dann lassen wir es ruhen und am nächsten Tag beginnt die Arbeit daran, indem die Schüler*innen Texte schreiben oder Stichworte sammeln sollten, die ich zusammengefasst habe.

Ich wollte sie erst einmal daran gewöhnen, überhaupt am Computer zu sitzen und zu arbeiten: Audios anhören, Texte schreiben, Antworten schicken, die ich zusammengefasst oder kommentiert habe. Damit waren wir in einem „normalen“ Arbeitsrhythmus. Ganz tolle Texte habe ich dabei auch von Schüler*innen bekommen, die nicht so gerne in großer Runde sprechen und sich nicht ständig melden. An der einen oder anderen Stelle habe ich gestaunt, was da schlummert und jetzt erwacht. Das ist wirklich großartig.

Das klingt sehr abwechslungsreich.

Ja, das hat mir wahnsinnig viel Spaß gemacht und ich glaube, den Schüler*innen auch. Anfangs habe ich ihnen viel zu viel gegeben. Aber nach ein, zwei Wochen hatten wir das richtige Pensum gefunden, um zwei Stunden gemeinsam vor dem Rechner zu sitzen – Waldorfschüler am Rechner – und dabei ein wirkliches Lernerlebnis zu haben. Mit allem was dazu gehört: Hören, Sehen, Ausprobieren, Schreiben und Denken, also. Und wir waren immer im Austausch miteinander.

In der Unterstufe, die noch viel stärker vom Künstlerischen und der Bewegung lebt, vom gemeinsamen Singen und Sprechen, ist das Digitale ein echter Verlust, das darf man gar nicht schönreden. Wir haben deshalb als Schule entschieden, erst ab der 7. Klasse eine Plattform zu nutzen, die Chat, Besprechungen, Notizen und Anhänge kombiniert. Nach ein paar Tagen, in denen ich Regeln aufgesetzt und ein wenig Medienschulung gegeben habe, entwickelte sich eine schöne Disziplin. Ich gebe meiner Klasse nach wie vor Audios und Videos, dann gibt es einen Auftrag, den man in Gruppen bearbeiten kann. Fünf Schüler sind in einer Gruppe, die per Video gemeinsam arbeiten.

In der Schule kann ich mich in einer Gruppe, die in einem Nebenraum sitzt, nie lange aufhalten. Hier kann ich im kleinen Rahmen mit den Schülern üben, was der Unterschied zwischen „Gelaber“ und Diskussion ist, wie effektive Gruppenarbeit funktioniert. Ich habe in den Gruppen Gespräche erlebt, die wir so im Präsenzunterricht nicht ohne weiteres gehabt hätten. Davon können wir auch später profitieren, weil ich ihnen sagen kann, ihr arbeitet genauso konzentriert und produktiv wie in der digitalen Arbeitsgruppe.

Können Sie nach diesen wenigen Wochen schon eine Bilanz ziehen?

Ich bin letztlich immer optimistisch. Ich sehe die Krise als Chance, etwas Neues zu erfassen und zu verstehen. Sich zu besinnen, worum es uns eigentlich geht. Ins Nachdenken zu kommen und zu fragen, was ich im Unterricht eigentlich erreichen möchte.

Wir haben im Kollegium gestaunt, wie gut das bei uns lief, obwohl wir ja eine kritische Grundhaltung haben. Es war klar, wir machen etwas völlig Neues, wir lernen zu arbeiten und wir können uns eigentlich nur verbessern. Letztlich ist es keine Frage der Technik, sondern der Inhalte. Habe ich als Lehrer den Anspruch, meine Schüler*innen mit einem Lernerlebnis zu erreichen – und das geht auch auf diesem Wege – dann bleibt es immer noch Waldorfunterricht.


Quelle: www.waldorfseminar.de

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